geschrieben in Piombino, Ende Oktober 2018

 

"Hätt ich was tun können!?"

"Sie sind Frau Zenta Pfeiffer?"

"Ja."

"Kann ich rein kommen?"

"Äh. Ich weiß nicht. Wer sind Sie denn?"

"Ach Entschuldigung. Ich bin die Hauptkommissarin Eva Rieger. - Ich hab gedacht, Sie wüssten Bescheid."

"Bescheid!?"

"Nicht!?"

"Um was geht´s denn überhaupt?"

"Kann ich rein kommen? Im Gang hier zieht´s! Es ist ein bisserl ungemütlich."

"Aber ich weiß ja garnicht um was es geht! Um was geht´s denn überhaupt?"

"Das würd ich Ihnen dann drinnen sagen."

"Ja. Mei. Dann kommen´s halt rein. Aber ich bin noch nicht fertig."

"Fertig?"

"Ich muss noch fertig saugen."

"Ach so. Das macht mir nix aus."

"Da sind Sie anderes gewohnt, gell. Aber ich würd jetzt schon gern wissen um was es geht."

"Sie haben ja jetzt meinen Ausweis gesehn. Darf ich Sie bitten, mir erst ein paar Fragen zu beantworten?"

"Das is ja wie im Fernsehn."

"Aber ich bin echt. Also - Sie sind die Zenta Pfeiffer. Wie alt sind Sie denn?"

"64."

"Und Sie wohnen schon lang hier?"

"Ja."

"Seit wann denn?"

"Mein Gott! - jetzt haben wir 2018 - wann bin ich denn hier eingezogen!? Das ist bestimmt schon - 20 Jahre vielleicht - nein, länger. Also ich müsst nachschaun."

"Kennen Sie hier alle Nachbarn?"

"Vom Sehen wahrscheinlich schon."

"Warum wahrscheinlich?"

"Es könnt´ ja sein, dass ich welche noch nicht gesehn hab."

"Wie könnte das sein?"

"Das weiß ich nicht."

"Warum sagen Sie dann: wahrscheinlich?"

"Ja Sie sind gut! Sie sind von der Polizei! Da will ich mich nicht in was rein reden, was mir dann blöd aus´glegt werden könnt. Da will ich dann schon genau sein."

"Gut. Sie kennen Ihre Nachbarin, die Frau Gerlinde Reinthaler?"

"Mei. Wie man sich halt so kennt."

"Wie kennt man sich denn?"

"Also wir waren noch nie zamm im Kino, zum Beispiel."

"Die Frau Reinthaler hat uns zukommen lassen, dass wir mit Ihnen über sie sprechen könnten. Dass Sie uns was über die Frau Reinthaler erzählen könnten."

"Ich!? Über die Frau Reinthaler!? Um was geht´s denn überhaupt?"

"Sagen Sie doch einfach, was Sie über die Frau Reinthaler wissen."

"Also das kommt mir so komisch vor! Ich sag jetzt lieber nix mehr!"

"Sie haben ja noch garnix g´sagt."

"Weil Sie mir ja auch nix sagen."

"Wenn Sie mir jetzt nix sagen, dann muss ich Sie aufs Präsidium bestellen. Das wär doch für uns beide total viel umständlicher. Und meine Fragen müssen Sie eh beantworten. Sonst behindern Sie mich in meiner Arbeit. Das dürfen Sie nicht. Da machen Sie sich sonst strafbar."

"Okay."

"Sie können uns also was über die Frau Reinthaler erzählen?"

"Tatsache ist, dass ich mich sehr gewundert hab, wie die vorgestern zu mir rauf kommen ist. Mit einer Flasche Rotwein. Und mit Kuchen. Gekauftem Kuchen. Und sie hat g´sagt, dass sie nicht das Rotkäppchen ist und ich nicht die Großmutter. Aber sie müsst mit mir reden, hat sie g´sagt.

Da sind wir dann hier in der Küch g´sessen und sie hat geredet. Dann war der Kuchen weg und die Flasche leer. Und dann ist sie wieder runter. In ihre Wohnung, nehm ich an."

"Und was hat sie erzählt?"

"Privates."

"Wie: Privates!?"

"Mei, von ihrem Mann hauptsächlich. Und von ihrer Ehe."

"Was hat sie denn da erzählt?"

"Privates. Das hat sie MIR erzählt. Privat. Ich bin doch keine Ratschn, die mit sowas hausieren geht."

"Ich glaub, dass die Frau Reinthaler möchte, dass Sie mir erzählen, was sie Ihnen erzählt hat. Ich glaub, dass sie Ihnen das deswegen überhaupt erzählt hat."

"GlaubenSie!? Warum glauben Sie das?"

"Frau Reinthaler hat uns auf Sie verwiesen."

"Kann die nicht selber erzählen, was Sie wissen wollen?"

"Nein."

"Warum nicht?"

"Darauf kommen wir später."

"Okay.

Also - ang´fangen hat sie damit, wie sie ihren Mann kennen gelernt hat.

Der hat ja ein Geschäft gehabt. Ein kleines Delikatessen-Geschäft. Ein sehr gutaussehender Mann ist das: groß, schlank - ja, gut jetzt hat er auch ein kleines Bäucherl. Aber erst, seit er das Geschäft nimmer hat. Sie hat bei ihm gearbeitet. Ganz normal. Sie war ja da schon geschieden, oder getrennt, oder was. Das weiß ich nimmer so genau. Jedenfalls hat sie da im Laden gearbeitet. Sie ist ja auch eine Hübsche. Das muss man schon sagen. Sehr gepflegt. Das passt natürlich sehr gut in einen Delikatessladen. Ich hab da so gut wie nie eingekauft. Eigentlich nur hin und wieder einen Käs. Das war schon teuer da. Gut - aber halt auch teuer. Find ich jedenfalls."

"Und dann ist das Geschäft geschlossen worden?"

"Wie!? - Also erst mal haben die geheiratet."

"Warum sagen Sie das so komisch?"

"Weil das ist das Private."

"Dass die geheiratet haben!?"

"Nein. Ich weiß garnicht - eigentlich will ich das nicht erzählen.

Also: er ist schwul.

Und er hat sie g´fragt, ob sie ihn ohne Ehevollzug heiraten würd. Und sie hat eingewilligt. Mei. Das kann ja wirklich jeder machen wie er will. Aber es geht halt keinen was an, find ich. Oder!? Ich weiß nicht, warum sie das mir erzählt hat. Und es geht mir garnicht gut dabei, wenn ich das jetzt Ihnen weiter ratsch.

Ja, ja - ich weiß schon.

Also: sie haben geheiratet. Und es war alles okay soweit. Das mit dem Sex war ihr wurscht, hat sie g´sagt, weil sie schon schlechte Erfahrungen genug gemacht hat, hat sie g´sagt.

Sie haben zamm in der unteren Wohnung g´wohnt. Die ist größer als meine. Da hat jed´s sein eigenes Zimmer g´habt.

Und zuerst war alles okay.

Aber dann ist er immer komischer g´worden, hat sie g´sagt. Er hat zum Beispiel gekocht. Und der muss ein guter Koch sein, sagt sie. Aber wenn sie keinen Hunger hat, dann wird er sauer. Aber richtig sauer! Der sperrt die dann ein, bis sie aufgess´n hat, sagt sie. Und ich hab dann g´sagt: warum lassen Sie sich das denn gefallen!? Und dann hat sie g´sagt: lang mach ich das nimmer mit.

Er kauft alles ein.

Auch ihr G´wand. Die darf nix anziehn, was er nicht kauft hat. Das geht doch nicht, hab ich g´sagt. Und da hat sie g´sagt: Sie wissen nicht, was der für Mittel hat. Ist er gewalttätig, hab ich g´fragt. Und sie hat nur genickt. Ich hab immer drauf gewartet, dass sie weint. Aber die hat nicht g´weint. Die war ganz starrig, irgendwie. Und dann hat´s geläutet. Und dann hab ich aufg´macht, aber da war keiner. Der sucht mich wahrscheinlich, hat sie g´sagt. Ich hab ihm doch g´sagt, dass ich zu Ihnen rauf geh, da hab ich ein bisserl gelogen und g´sagt, Sie hätten Geburtstag. Sonst hätt er mich garnicht raus lassen. Das ist ja furchtbar, hab ich g´sagt. Dass Sie sich das gefallen lassen!? Nimmer lang, hat sie g´sagt, nimmer lang. Aber jetzt muss ich gehn. Und dann ist sie gegangen."

"Hat sie sonst noch was erwähnt?"

"Narben hat´s mir gezeigt. Ich kenn mich da ein bisserl aus, weil ich - ist ja wurscht - jedenfalls waren das Brandnarben und Schnitte und wirklich viele Hämathome. An den Armen und den Beinen und sie hat g´sagt, sie könnt mir noch mehr zeigen, aber dass es nicht sein muss.

Ach wissen´s was mir grad noch einfällt: das mit dem Schwulsein, hat sie g´sagt, glaubt sie, dass das eine Lüge ist. Ja - das hat sie auch noch g´sagt.

Aber jetzt sagen sie mir, was da eigentlich los ist. Ich hab jetzt ein ganz komisches Gefühl."

"Die Frau Reinthaler hat Ihren Aussagen zufolge also eine schwere Leidenszeit hinter sich."

"Hat ihr Mann ihr was angetan!?"

"Nein - sie hat ihm was angetan."

"Sie ihm!?"

"Davon gehen wir aus."

"Was hat sie ihm denn angetan?"

"Das darf ich Ihnen nicht sagen. Aber er hat es nicht überlebt."

"Sie hat ihn umgebracht!?"

"Davon gehen wir aus."

"Weil er sie so gequält hat!"

"Das wissen wir nicht. Da haben wir bisher nur Ihre Aussage."

"Aber was sagt denn die Frau Reinthaler?"

"Die sagt garnix."

"Und wenn ich jetzt auch nix g´sagt hätt?"

"Dann könnte sie sich auch selbst verletzt haben."

"Mein Gott!"

"Vielen Dank erst mal. Wir kommen vermutlich - also eher sicher - nochmal auf Sie zurück."

"Hätt ich denn was tun können!?"

"Wahrscheinlich eher nicht."

"Mein Gott. Und das bei uns im Haus! Die arme Frau."

"Oder der arme Mann."

"Oder der! Da weiß man nicht, was man glauben soll."

 


Schreibretreat in Oxford im August 2018

 

Blue-Shoe- Mystery

Sie fuhr mit dem Rad zum Einkaufen. Die Sonne schien heiß an diesem Dienstagnachmittag im August 2018.

Am Ende des Radwegs stand rechterhand ein blauer Schuh. Ganz ordentlich stand da ein sehr blauer Lauf-Sport-Schuh am Wegrand. Sie sah ihn und dachte: Mein Gott, was ist da passiert!? Ein Unfall vielleicht. Furchtbar.

Als sie zurück fuhr stand der Schuh unverändert.

Zuhause ging sie zum Briefkasten, die Einkäufe mit sich tragend. Mit den Werbungen ging sie zur Papiermülltonne, die in einem Geräteraum gleich bei der Gartentür stand.

Auf der Papiermülltonne stand ein blauer Lauf-Sport-Schuh.

Einer.

Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte und versuchte sich daran zu erinnern, dass der blaue Schuh am Wegrand nicht zu dem auf der Tonne gehörte.

Ihre MitbewohnerInnen wussten nichts von einem Schuh. Niemandem fehlte einer, niemand hatte jemals blaue Lauf-Sport-Schuhe besessen.

Gegen Abend fuhr sie den Radweg entlang in der Hoffnung, dass sich die Sache einfach aufgelöst hatte. Aber der Schuh stand an selbiger Stelle. Sie nahm ihn mit. Er passte zu dem auf der Tonne.

Früh am nächsten Morgen kündigten sich zwei Kriminalbeamte an. Sie kamen eine halbe Stunde später und wollten das Paar blaue Lauf-Sport-Schuhe sehen, die sie einer genauen In-Sicht-Nahme unterzogen. Dann nickten sie bedächtig.

Sie sagte nichts. Es war ihr, als wäre es nicht sie, als wäre es nicht Mittwochmorgen, als hätte der eine Kriminaler nicht rote Haare und der andere nicht keine.

"Es ist so", begann sie, um Festigkeit bemüht, "der eine Schuh stand am Wegrand und der andere auf der Papiertonne hier."

"Hmm", sagten die Kriminaler.

"Und niemandem von uns gehören sie. Und mehr kann ich dazu eigentlich nicht sagen."

"Hmm", sagten die Kriminaler.

"Und es wundert mich auch", sagte sie.

"Ja - merkwürdig", sagte dann der Rothaarige.

"Woher wussten sie denn, dass die Schuhe überhaupt hier sind?" sagte sie gefasst.

"Ja", sagte der Rothaarige, "das ist ja auch so eine Geschichte. Wenn´s recht ist, dann nehmen wir die Schuhe mit."

"Sehr recht", sagte sie.

Das war alles.

 

Blow-up-story

Irgendwo in Oxford habe ich ein Haus fotografiert. Ich weiß noch, dass ich auf einer Brücke gestanden bin. Eigentlich garnicht mein typisches Motiv: unglaublich idyllisch, romantisch, könnte man sagen.

Ich sitze also im Cafe in der Modern Art Gallery in der Pembroke Street (hier sehr zu empfehlen Beetroot Fritters + Prosecco). Und da schau ich in den Fotoapparat, weil ja auch nichts anderes zu war. Und da sehe ich das Foto und denke: oh, das ist ja garnicht mein style, voll idyllisch. Aber ich habe ja diese geile Funktion: Standbild + Vergrößerung und spiele damit ein bisschen. Der interessante waiter kommt. Ich plauder mit ihm. Er rät mir nach Brixton zu gehn, wenn ich demnächst in London sein werde. Und dann schau ich wieder auf das vergrößerte Bild und denk noch so dabei an den schmucken waiter - schau also auf das Bild und denke, ich bin in "Blow up", in diesem Film, wo einer auch ein Bild vergrößert und in einem Park eine Leiche entdeckt.

Das Display ist sehr klein.

Eigentlich wollte ich das Bild ja eh gleich löschen, weil es so garnicht mein style war.

Aber ich habe meine Brille raus und dann das Foto so groß wie möglich vergrößert.

Leiche!

Ich habe ja schon Tote gesehen.

Das war einer.

Aber ich kannte doch niemanden in Oxford. Ich war hier nur auf der Durchreise, nur einen Tag, oder so. Und ich wusste ja auch garnicht mehr, wo ich das Foto gemacht hatte.

Da war wirklich sehr viel Blut. Man sah nicht, wo es herkam. Jeans, Sneekers, T-shirt. Junger Mann, schicke Frisur.

Vielleicht ein Scherz: hat sich bemalt, verkrümmt zwischen die Topfpflanzen gelegt um zu warten, bis seine Mitbewohner heimkommen. Er ist wahrscheinlich Maskenbildner beim Film, oder beim Theater. Er ist wahrscheinlich schon bekannt für seine makabren Scherze. "Harald and Maude", so in der Richtung wahrscheinlich. Macht sich enorme Mühe, damit alles echt ausschaut. Vielleicht übt er ja für seinen Job.

Naja. Ich werde ihm jedenfalls den Spaß nicht verderben, dachte ich.

Ich habe das Foto dann gelöscht.

Und dann war ich ja eh in London.

 


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Erinnerungen an den Filmclub
veröffentlicht in den Starnberger Heften - Nr. 19 - Juli 2018
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vergib deinen Feinden aber vergiss nie ihre Namen (J.F. Kennedy)
Rache ist keine gute Ratgeberin!
erstmals öffentlich gelesen in der Bücherjolle in Starnberg im April 2018, musikalisch begleitet von Erik Berthold
vergib deinen Feinden aber vergiss nie i
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wenn´s nur grad schon vorbei wär
erstmals veröffentlicht als Lesung in der Bücherjolle in Starnberg mit der musikalischen Begleitung von Erik Berthold
am 6. Dezember 2017
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für Franz nach dem AfD-Stammtisch-Schock
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für Franz - auf gute Nachbarschaft.odt
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150325 Schalper Wanninger.odt
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Das ist die Laudatio von Sepp Dürr auf mich, anlässlich der Verleihung des "grünen Wanninger" am 12. April 2015, im Bosco in Gauting. Meines Erachtens war es der beste Beitrag der Veranstaltung. Die Wahl des Laudators: ein voller Erfolg!!


In einem Restaurant sitzt ein junges Paar in meinem Blickfeld.

Er trägt eine monumentale Halskrause.

Beide rauchen und trinken einen Aperitif.

Beide bestellen Muscheln.

Die Töpfe kommen, aber sie essen nicht. Sie reden. Er raucht.

Ich seh die Augen der Frau: dauernd wartet sie auf ein Zeichen von ihm. Ich glaub, dass sie sich jetzt gern die Muscheln reinhaun würde und dass es sie reut, dass sie kalt werden.

Er nippt an seinem Aperitif. Seine Haltung ist wegen dieser absurden Halskrause äußerst exaltiert. 

Sie essen nicht.

Und sie essen nicht.

Und dann doch endlich.

Sie spreizt die Finger zickig ab, zieht sich aber die Muschelschalen, an denen rote Soße hängt, angenehm gierig durch den Mund.

Er pickt vorsichtig ab und zu pommes mit einer leeren Muschel auf und knabbert sie erst ab, bis sie dann ganz im Mund verschwinden.

Die Verklemmung geht von ihm aus.

Aber sie ist die Blöde, finde ich, weil sie sich seiner unguten Art komplett anpasst.

Eine elende Beziehung - falls es eine ist. Ich würde ihr gern sagen, dass sie sich nicht soviel scheißen soll, dass sie seine Zicken nicht so ernst nehmen und sich selbst erst einmal fragen sollte, ob sie es wirklich toll findet, vor den Töpfen zu warten bis sie kalt sind.

"Du liebst mich nicht genug", sagt der Mann mir gegenüber. "So ein Gefühl hab ich manchmal."

 

veröffentlicht im Starnberger Heft "bzw." im Dezember 2017


Unterzucker

Am Anfang des neuen Jahrtausends.

Das Telefon klingelt.

Es ist zwei Uhr mittags, ein trüber Wintertag.

"Hallo Mamma", meldet er sich mit eigenartiger Stimme. "Ich hab ein kleines Problem, das wollt ich mal mit dir besprechen." Seine Zunge ist schwer. Jedes Wort schleppt sich aus seinem trockenen Mund.

Mir ist heiß.

"Ich hab ziemlich Unterzucker und bin hier in so einem Büro. Jetzt wollt ich dich mal um Rat fragen."

"Okay. Wo bist du?"

"Ja - ich weiß nicht so genau. An der Donnersbergerbrücke. In so einem Büro."

"Okay. Hast du noch Traubenzucker?"

"Nein, den hab ich schon gegessen. Ich hatte ein bisschen wenig dabei."

"Okay. Hast du Geld?"

"Ja, schon, aber hier gibt´s nix. Das ist ein Büro ... oder so."

"Was für ein Büro?"

"Weiß ich auch nicht. Irgendwie seh ich nicht mehr so gut."

"Da ist doch jemand da, oder!?"

"Ja."

"Dann gib mir mal jemand."

"Nein, nein, das ist nicht notwendig, das mach ich selber."

"Du hast mich angerufen!!"

"Ja ... wart mal ... "

" ... Ja, hallo?" sagt ein Mann.

"Äh, Grüß Gott, ich bin die Mutter von dem jungen Mann, der jetzt anscheinend bei Ihnen ist. Er ist Diabetiker und hat im Moment starken Unterzucker. Haben Sie vielleicht Traubenzucker im Haus?"

"Nein. Nein, sicher nicht."

"Okay. Dann vielleicht Zucker?"

"Wahrscheinlich schon."

"Okay. Es wär super, wenn Sie ihm Zucker geben könnten und Wasser. Das wäre auch toll. Ginge das?"

"Hmmm."

"Je schneller desto besser."

"Hmmm."

"Es besteht im Moment keine Lebensgefahr. Aber wenn er ohnmächtig wird, dann rufen Sie bitte unter allen Umständen den Notarzt."

"Oh!"

"Also erst mal Zucker und Wasser. Wo sind Sie denn?"

Er gibt mir eilig die Adresse und die Telefonnummer.

"Danke. Kann ich ihn nochmal haben?"

"Ja, ja!"

" ... also, er bringt dir was und wir holen dich. Wo ist denn das Auto?"

"Hier, irgendwo."

"Okay. Geh ja nicht weg!"

Wir haben ihn in einem sehr gestylten Büro abgeholt. Es liegt in einer Gegend in der man eher Junkies vermutet als Geschäftsleute. Sie haben ihn trotzdem rein gelassen, trotz seinem gelblich-weißen Gesicht, seiner dunklen  Augenringe, seiner schweren Lider. Er hat gezittert und war desorientiert, aber sie haben ihn trotzdem rein gelassen. Er konnte telefonieren und er hat ihre Zuckerdose geleert.

Sie haben ihn gerettet und wir konnten uns nur bedanken.

 

veröffentlicht in den "Starnberger Heften"

im März 2016

 


Das ist ein Romanheftl das ich unter einem Künstlernamen veröffentlicht habe.

Die Zeichnungen sind von Klaus Walterspiel, der auch der Herausgeber ist (mischen verlag).


veröffentlicht im "Starnberger Heft": fromm  im Herbst 2014

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Rechtsradikaler zum Thema: "Heimat".

So gehört von Erika Schalper auf dem Rotkreuzplatz in München am Stand der Republikaner

 

"Ich wähl die Braunsten, die wo´s gibt, weil ich Fremde im Land nicht da haben will. Der Gauweiler hat so eine gute Rede gehalten! In der Zeitung hab ich sie gelesen. Ich hab ja nicht alles verstanden und merken kann ich mir sowas auch nicht so gut. Aber die Rede: hervorragend! Ausländer raus! Deutschland den Deutschen! Bayern den Bayern! Das hat er g´sagt, der Gauweiler. Ein feiner Mann. Ein echter Bayer. Die Bayernpartei wähl ich nicht, die waren für den Volksentscheid. Das find ich schlecht. Das ewige Mitreden. Das ewige Besserwissen. Zur Nörgelei führt das und zur Unzufriedenheit, das hat der Franz Josef genau g´wusst. Auf den hat man sich verlassen können. Seine Kinder g´fallen mir nicht besonders . Die Buben schaun ein bisserl weich aus und die Hohlmeierin ... mei, sie ist halt eine Frau, da kann sie ihrem Vater noch so ähnlich sein. Sie ist ja auch für den Forschungsreaktor in Garching gewesen. Das find ich gut, dass wir den internationalen Anschluss nicht verlieren, sonst stehn mir ja da wie die Deppen. Dass dann da auch Fremde hinkommen, das kann man in dem Fall ruhig in Kauf nehmen. Das werden ja nicht grad so Hungerleider sein, die nix haben als wie ihre Haut. Da bin ich froh, dass´ uns so gut geht. Da muss man dem Herrgott schon danken, dass er die ganzen Naturkatastrophen und so weiter nicht über uns auslasst.  Das hat schließlich auch einen Grund, sag ich. Und deswegen bin ich gegen die Fremden, weil das Unglück von denen hat ja dann auch  einen Grund, oder!? Da hilft das ganze Schönreden nix. Und dem Herrgott pfusch ich nicht ins Handwerk! Der hat jedem die Heimat geschenkt, wo er meint, dass sie für ihn richtig ist. Und da soll der Mensch nicht drein reden. Und im Fernsehn, da kommt ja auch immer bloß ein Schmarrn. Ich schau ja nicht viel. Aber wenn ich schau, dann kommt ein Schmarrn. Am Nachmittag, wenn vielleicht Kinder vor dem Fernseher hocken, da glauben sie nicht, was da gezeigt wird! Von küssen und so, da würd ich ja nix sagen, aber die steigen ja nackert aus die Betten raus! Am Nachmittag! Wo vielleicht Kinder vorm Fernseher hocken! Und da sag ich Ihnen was: kennen Sie die  Schwarze, die Österreicherin? Käsbauer, oder so, heißt die. So eine Schwarze, wissen´s? Die kennen Sie doch, oder? Bei der waren Leut, das ist nicht zum glauben. Die haben nicht bloß vom ... Sie wissen schon ... vom äh ... ich mein: am Nachmittag! Aber da hätt ich vielleicht  ja noch nicht einmal was g´sagt. Aber wissen´s was der g´sagt hat!? Das allein, hat er g´sagt, das reicht ihm nimmer. Er braucht was anders. Und wissen´s was der g´sagt hat, dass er braucht!? Der Dreckhammel hat g´sagt, dass er sich anpieseln lasst! Anpieseln! Stellen Sie sich das einmal vor! Sonst findet er keine Befriedigung, sagt er. Da lasst er sich anpieseln! Das sagt er im Fernsehn. Am Nachmittag. Wo vielleicht Kinder vorm Fernseher hocken. Was sagen jetzt da Sie!? Lasst sich der anpieseln und sagt das im Fernsehn. Am Nachmittag. Da sagen Sie jetzt nix mehr, oder!?"


aus dem "Deutschen Architektenblatt" 01-2015


aus der Berufsordnung zu den Motiven des Architekten:

"Das wohlverstandene Interesse der Allgemeinheit an der menschenwürdigen Umwelt hat Vorrang unter allen Motiven ..."